Masamune
- Das Buch über die äußere Welt
Ein
mutiger Sphinx
Dithlit
war ein Sphinx. Wie alle Sphinx war auch er nicht besonders mutig oder
abenteuerlustig, eher gemütlich und gesellig. Das Leben im Sphinxental bot ihm
alles was sein Herz begehrte: Faulenzen in der Sonne, Feste, zu denen es immer
reichlich Speisen gab und Tanz und das Wichtigste, Nachbarn, die seine besten
Freunde waren.
Doch
Dithlit war wahrscheinlich der einzige Sphinx, den es jemals gab, dem all das
nicht genug war um ein erfülltes Leben zu führen. Es musste doch noch mehr
geben, als faulenzen und tanzen. Er war Autor, doch worüber könnte man
schreiben, wenn Tag aus, Tag ein das selbe geschah?
Freundliche,
gesellige und friedliche Wesen, waren die Sphinx. Von zarter Gestalt, mit Ohren
und Schwanz einer Katze. Jeder Sphinx hatte graues Haar als weiteres Merkmal
ihrer Rasse. Nicht geschaffen für Abenteuer.
Es geschah vor 100 Jahren, dass eine Dämonin von riesiger Gestalt, das von
Bergen umringte Tal der Sphinx, mit einem Vulkan verschloss, in dem sie hauste.
Dithlit wollte heraus finden, warum dies so geschah. Warum Götter so etwas zu
ließen. Es waren ihnen, nach 100 Jahren nicht mehr viele Erinnerungen an die
Welt, jenseits der Berge, geblieben.
Nachdem
er zum 7ten Mal das Fest zur Sommersonnenwende beschrieben hatte, fasste er
seinen Entschluss: Er wollte mehr von der Welt sehen!
Alle
Dorfbewohner hatte sich an jenem Morgen versammelt, um Dithlit zu verabschieden
und ihm alles Gute zu wünschen. Jedoch glaubte niemand daran, dass er es ganz
allein schaffen könnte, ihr Tal über die Berge zu verlassen. Er würde schon auf
halber Strecke über die Berge heimkehren.
Einige
Sphinx lachten über seine Ideen und andere, zum Beispiel seine Nachbarn, waren
sehr traurig darüber, dass Dithlit sie verlassen wollte.
„Ich
weiß, ich werde es schaffen. Ich werde dieses Tal verlassen und die Welt dort
draußen sehen. Ich werde ein Buch über sie schreiben und mit ihm zurückkehren.“
„Aber Dithlit, sei doch vernünftig. Ein Sphinx sollte niemals allein reisen. Die
Berge sind zu hoch, um sie zu bezwingen. Die Gipfelkrähen werden dich
zerhacken.“, sprach der Dorfälteste. Es half nichts, der Entschluss war
gefasst.
Dithlit war ein guter Autor. Er konnte wundervoll beschreiben und könnte den
Sphinx wahrhaftig die äußere Welt offenbaren.
Dithlit machte sich auf den Weg. In seinem Beutel hatte er nichts weiter als
ein Seil und reichlich Brot und Wasser, sowie seine Schreibsachen und einen
Dolch gepackt.
Dithlit
war noch jung und gehörte nun mal einer scheuen, zierlichen Rasse an und so
konnte es Niemand nachempfinden, weshalb Dithlit so abenteuerlustig war. Aber
ein Schriftsteller brauchte Inspiration! Noch konnte er nicht wissen, dass das,
was ihn hinter den schwer bezwingbaren Bergen erwartete, noch viel aufregender
und gefährlicher war, als er ahnte. Bald musste Dithlit feststellen, dass er
vom Kopf bis zu den Füssen, ein waschechter Sphinx war.
Er war einsam und die Nächte versetzten ihm in blankes Entsetzen.
‚Ein Sphinx sollte niemals allein reisen,’
entsann er sich den Worten des Dorfältesten, womit er Recht hatte. Aber
Dithlit wollte nicht umkehren. Er war nun schon so weit gekommen. Die Hälfte
bis zum Gipfel hatte er bereits erklommen. Nur noch ein Stück, nur bis in das
nächste Tal hinter dieser Bergkette...
Die bösen Geister von den Bergspitzen
Dithlit wühlte in seinem Beutel und kramte sein Brot hervor. Er hatte bereits
mehr als die Hälfte seines Vorrates aufgebraucht.
„Verhungern will ich nicht“, seufzte er.
Er sah zu den Gipfeln empor, als er auf einem Felsen saß und etwas Brot aß.
Gipfelkrähen! Er konnte sie genau sehen - diese großen, schwarzen Vögel. Sie
griffen öfter Sphinx an. Warum taten sie dies nur? Gipfelkrähen aßen kein
Fleisch, sie lebten von Beeren und Saat. Es war, als hätte sie jemand auf die
Sphinx gehetzt. Als verfolgten sie ein Ziel.
„Verdammte Vögel“, fluchte Dithlit.
Er setzte seinen Aufstieg fort. Er umging so gut es möglich war die Krähen. Die
Nächte verbrachte er zwischen Felsen. Zitternd vor Angst.
Nach fünf Tagen, hatte er die Gipfel hinter sich gelassen. Von dort oben konnte
er die Weiten der Welt sehen. Was würde ihn dort erwarten?
Die
Landschaften wirkten auf ihn keinesfalls bedrohlich, nur riesig. Ob er je
zurück finden würde war fraglich.
Nachts
- zwischen Felsen - wurde Dithlit von einer hissenden Stimme geweckt. Es war
stockdunkel.
„Sphinx, ein Sphinx“, hörte er es Hissen.
„Sphinx töten, muss andere holen.“
Dithlit schreckte hoch. Vor ihm, auf einem Felsen saß eine Krähe. Sie würde
fliegen und mit Hunderten ihrer Artgenossen zurückkommen und sie würden ihn
zerhacken. Zuerst seine Augen. Genau so erzählte man sich im Sphinxtal
Geschichten über sie.
„Muss andere holen.“
Der Vogel breitete seine Flügel aus. Dithlit griff beherzt nach ihren Füssen
und hielt sie fest. Augenblicklich begann die Krähe ohrenbetäubend zu
kreischen.
„Sphinx, Sphinx!“, kreischte sie.
„Oh nein, nein. Nicht!“, bat Dithlit.
Er versuchte ihr den Schnabel zu zuhalten, aber sie hackte nach seiner Hand.
Ihr Schnabel war messerscharf und verletzte ihn. Die Krähe hackte nach der
Hand, welche ihre Füße hielt. Dithlit wühlte in Panik in seinem Beutel und zog
den Dolch hervor. Augenblicklich verstummte der Vogel. Dithlit keuchte:
„Warum verfolgst du mich? Ich hab dich gesehen. Du folgst mir seit drei Tagen.
Was willst du von mir?“
Die Krähe senkte den Kopf und er befahl:
„Sag es mir!“
„Es ist Sphinxens Brot.“
„W... Was?!“
„Krähen lieben Sphinxens Brot. Krähen stehlen Brot von Sphinx.“
Dithlit drückte den Dolch an die gefiederte Brust.
„Ihr tötet für Brot? Verschwinde. Das nächste Mal, töte ich dich!“
Er ließ das Tier los und es flog schweigend davon.
„Ich meine es ernst, was ich gesagt habe!“, rief er ihm nach.
Erst jetzt bemerkte Dithlit, wie sehr er zitterte. Er fürchtete sich so sehr
vor diesen schwarzen, gespenstischen Tieren.
Die Alben vom Waldgrund
Fast hatte Dithlit den Waldgrund erreicht. Die Bäume wuchsen immer dichter. Das
Sonnenlicht erreichte immer seltener den Waldboden. Es wurde geradezu düster.
Erneut begann Dithlit, sich zu fürchten. Es war dunkel und er war allein. Die
Einsamkeit war das schlimmste, doch niemand aus seinem Dorf wollte ihn
begleiten.
Verständlich.
Und
er hatte geglaubt, er würde es allein schaffen und wäre furchtlos.
Wie
sehr er sich doch geirrt hatte!
Um sich abzulenken, begann Dithlit das erlebte aufzuschreiben. Er war bald so
vertieft in seiner Arbeit, dass er nicht bemerkte, dass er nicht mehr allein
war.
Eine wundersame Gestalt auf einem leuchtend weißen Ross, betrat dieselbe
Lichtung.
„Ein Sphinx“, sprach der Reiter ehrfürchtig, mit einer sanften Stimme.
Dithlit ließ die Feder fallen.
„Ich glaubte die Sphinx seien seit Jahren verschwunden. Es ist hundert Jahre
her, dass ich den letzten Sphinx sah.“
Dithlit hatte schnell seine Sachen verstaut und schwang sich in das Geäst eines
großen Baumes, um sich hoch in seiner Krone zu verstecken. Der Reiter ritt im
Schritt unter den Baum und späte hinauf. Er sah ihn, das wusste Dithlit, denn
sie sahen sich gegenseitig direkt in die Augen. Dithlit bemerkte die spitzen
Ohren und die Haut, welche wie weiße Seide leuchtete. Er hatte langes goldenes
Haar, feine Gesichtszüge und trug ein Lilienschwert und einen Langbogen bei
sich.
„Einst lebten wir Seite an Seite mit den Sphinx, bis sie verschwanden“, sprach
dieser weiter.
Doch etwas neugierig, kam Dithlit einige Äste wieder hinunter.
„Du bist ein Alb“, bemerkte er.
Der Reiter nickte freundlich.
„Ein Waldalbe. Link vom Waldgrund.“
„Alben lebten einst mit Sphinx. Sphinx lebten einst auch unter Menschen und
Alben lebten auch unter den Menschen“, beruhigte Dithlit sich selbst.
So stieg er wieder von dem Baum hinab. Der Alb, welcher sich nun als ‚Link’
vorgestellte, stieg vom Pferd.
„Was macht ein Sphinx allein in diesen Wäldern?“
Er sah sich prüfend um.
„Es ist gefährlich“, raunte er, „Dunkelalben lauern überall in den Schatten.“
„Dunkelalben. Was sind das?“, fragte Dithlit vorsichtig.
Links Augen blitzten als er sagte:
„Svartalfen. Kreaturen der Nacht. Sie kommen, wenn der Tag endet. Sie leben von
Angst und vom Blut ihrer Opfer und kennen keinen Schmerz. Unter den Wurzeln der
Bäume kommen sie hervor gekrochen. Erheben sich aus ihren Schatten. Du siehst
sie erst, wenn es bereits zu spät für dich ist.“
Dithlit schluckte. Und er fürchtete sich vor Gipfelkrähen!
Der
Alb reichte ihm seine Hand.
„Komm, die Nacht bricht bald an. Du solltest nicht allein hier zurückbleiben.“
Er half Dithlit auf sein Pferd und schwang sich hinter ihm auf den
Pferderücken. Geschwind, mit leichten Schritten, ritten sie durch das immer dichtere
Holz. Dithlit kannte keine Pferde, ihm war als würden sie fliegen.
„Aus welcher Richtung auch immer du kommst, biege immer links hinter der
Silberweide ab. Nur so gelangst du in unsere Gemeinschaft“, erklärte der Alb.
Sie ritten eine Weile bergab, überquerten einen Bach und Dithlit konnte nun die
Lichter der Albenhäuser sehen. Wie Kristall glitzerten die kleinen Fenster in
den Baumkronen.
Geschmiedet von Göttern
Link klopfte behutsam den Pferdehals.
„Geh, Sternenglanz“, sagte er leise und es verschwand im Wald.
„Folge mir zum Tempel. Mein Volk betet dort gerade zur Göttin Vanadis - unserer
Schutzpatronin.“
Etwas verwirrt, folgte Dithlit dem Alben zu einem Eingang, durch einen
riesenhaften Baum in eine bezaubernd beleuchtete Tropfsteinhöhle hinein.
Gesänge kamen von den Hallen der Grotte. Eine junge, wunderschöne Albe stand am
Eingang zu einer Halle, aus der die Gesänge kamen. Sie sah melancholisch aus,
genau wie Link und so wie auch die Gesänge klangen. Freundlich sah sie Dithlit
an.
„Kann es sein? Du bist ein Sphinx. Woher kommt er?“
Sie sah zu Link auf.
„Ich las ihn auf einer Lichtung auf. Er schrieb an einem Buch.“
„Ein Buch eines Sphinx“, murmelte die Albe.
Dithlit verstand nichts. Er wusste, dass es ein Buch war? Ganz nah trat sie an
Link heran und flüsterte in sein Ohr:
„Du weißt, dass sie hier nicht länger sicher ist. Unser Versteck kann jeden
Moment entdeckt werden, und wir werden nicht in der Lage sein, uns zu
verteidigen. Zu viele trachten nach ihrer Macht. Wir werden diesen Ort bald
verlassen.“
Dithlit vernahm jedes einzelne Wort, doch er verstand nichts davon.
„Vanadis verliert ihre Macht an diesem Ort. Das Böse wird stärker“, sagte die
Albe.
Jetzt flüsterte Link, gerade so laut, dass Dithlit ihn verstehen konnte:
„Wir werden zuerst auf eine Pilgerfahrt gehen. Du weißt, Leasame hat uns zu
sich gerufen. Es ist wichtig, was sie zu verkünden hat. Es gibt anscheinend
eine Lösung für unser Problem.“
„Was habt ihr für ein Problem? Wonach trachtet das Böse?“, wollte Dithlit nun wissen.
Sie hatten ihn neugierig gemacht, mit ihrer Heimlichtuerei.
„Meredith?“
Link sah die Albe fragend an. Sie nickte und sagte:
„Ich zeige dir unser Geheimnis. Leasame sagte, wir hätten von einem Sphinx
nichts zu befürchte, und sie seien die Lösung des Problems.“
Link und Dithlit folgten Meredith durch die Gänge der Grotte. Meredith öffnete
eine geheime Tür aus Stein, zu einer weiteren, kleineren Halle. Hier war es
absolut still.
In der Mitte, auf einem Podest lag ein Schwert. Es besaß zwei entgegengesetzte
Klingen und in der Mitte - zwischen zwei Ringen - einen Griff.
„Masamune wird sie genannt. Geschmiedet von Göttern. Sie besitzt die Macht,
Götter zu vernichten. Doch verleit sie jenen auch die Macht, zu tun wo immer
sie nach trachten. Zu durchschauen. Zu vernichten der Tausende, mit einem
Schlag. Was auch immer es sein mag, nur stark genug muss der Wille sein.“,
erklärte Meredith.
Das alles klang sonderbar für den Sphinx. Ein Schwert mit solcher Macht. Ein
einfacher Gegenstand aus glänzendem Metal.
„Wenn es so mächtig ist, weshalb benutzt ihr seine Macht nicht gegen diese
Bösewichte?“
Meredith lächelte und antwortete ihm:
„Nur Götter können sie führen. Es ist normalen Unsterblichen wie den Alben,
nicht möglich ihre Macht frei zu setzen. Alles was wir tun können, ist sie zu
bewahren.“
„Dann zerstört es doch.“
Meredith gab darauf keine Antwort.
„Sie ist das einzige Werkzeug gegen die Hand der Götter“, erzählte Link weiter.
Er senkte den Kopf.
„Wir haben nicht das Recht sie zu zerstören.“
Angriff der Svartalfen
Dithlit saß in einem der Albenhäuser, das in einem Baum war. Er schrieb wieder
an seinem Buch. Er hatte viel zu berichten, jedoch hatte Link ihn gebeten, die
Masamune nicht namentlich zu erwähnen. So nannte er sie ihr Geheimnis und
erwähnte nichts von ihrer Macht. Er nahm sich mehr Zeit, über die vielen Wesen
und ihrer Lebensweise zu erzählen.
Es
dämmerte bereits. Link stand am offenen Eingang des Baumhauses und starrte in
die Ferne. Er schien beunruhigt zu sein.
„Was siehst du dort Link?“, fragte Dithlit.
„Ich höre sie. Sie werden bald hier sein.“
„Wer?“
„Die Svartalfen.“
Dithlits Herz begann zu pochen. Links Erzählung über die Svartalfen hatte ihm
Angst eingeflößt.
„Können wir nichts tun?“
Link griff nach einem Horn, an der Wand neben der Tür und blies es.
„Wir werden kämpfen müssen. Geh in die Grotten zu den Frauen und bleibe, bis
ich dich hole!“, rief er.
Voller Angst ging Dithlit in die Grotten. Die Sonne war jetzt verschwunden.
Dithlit wusste, dass sie nun hier waren. Gekommen mit den Schatten.
„Ich werde auch über sie in mein Buch schreiben. Ich will sie mir ansehen“,
meinte Dithlit.
Er löste sich aus der Frauengruppe um hinaus zu gehen, doch Meredith hielt ihn
auf.
„Können Dunkelalben die Masamune führen?“, wollte er wissen.
Meredith schüttelte den Kopf und erklärte:
„Die Götter, zu denen sie beten, haben sie ausgesandt um sie zu finden und
ihnen zu bringen.“
Der Svartalf, welcher Link in eine ausweglose Ecke gedrängt hatte, brüllte
wild. Diese Kreatur war gros und finster. Er hatte Augen, Klauen und Gebiss wie
ein Wolf. Wildes schwarzes Haar und eine Bläulich-graue Haut. Link waren die
Pfeile ausgegangen und sein Lilienschwert steckte neben dem Svartalf im Boden.
Der Dunkelalb grinste siegessicher. Der Alb war ihm schutzlos ausgeliefert! Mit
einem langen Speer stieß der Svartalf nach ihm. Link trat geschickt nach dem
Speer und er fiel dem Svartalfen aus der Hand, ehe er ihn treffen konnte. Den
kurzen Moment der Verwirrtheit nutzte Link, um ein zweites Mal nach ihm zu
treten. Diesmal gegen seine Brust. Der Svartalf taumelte zurück. Stürzte aber
im nächsten Moment wieder vor und umgriff mit beiden Händen Links Hals und
rüttelte ihn.
„Waldalben sind so zerbrechlich“, grunzte der Svartalf.
Link war die Luft abgeschnürt, doch seine Augen blitzten, als er über dem
Svartalfen schaute.
Etwas zischte durch die Luft und bohrte sich durch den Hals des Svartalfen. Er
ließ Link los und ging röchelnd zu Boden - mit einem Pfeil durch seine Kehle!
Link nickte zu dem Alb, der über ihm auf der Veranda eines Baumhauses stand und
auf den Svartalfen geschossen hatte.
„Link, ich bitte dich. Bring die in Sicherheit, die sich in den Grotten
versteckt halten. Du weißt wo der zweite Ausgang ist. Wir werden sicher bald
nachkommen!“
„Dann sehen wir uns im felsigen Tal wieder. Möge Vanadis dich beschützen,
Clover!“
Die Flucht durch die Grotten
Link pfiff nach Sternenglanz und führte es in die Grotten durch den großen
Baum. Auf dessen Rücken schnürte er Masamune fest und bedeckte sie mit einem
Mehlsack, um sie vor gierigen Augen zu verbergen.
Link kniete sich vor Dithlit, sah zu ihm auf, legte seine Hände auf dessen
Schultern und sprach:
„Dithlit, ich weiß du bist ein Sphinx und nicht sehr mutig, Ich muss die Göttin
der Weisheit sehen und Masamune an einen sicheren Ort bringen. Ich bitte dich,
dass du mit mir kommst. Leasame meinte, Sphinx wären die Lösung.“
„Was ist mit den anderen Männern?“
„Sie kommen nicht mehr. Ihr Kampf ist aussichtslos. Wir sollten gehen.“
Seine Worte klangen hart und gleichgültig, doch Dithlit sah die Trauer und die
Verzweiflung in seinen Augen.
Die Flüchtende Gemeinschaft ging durch die Gänge, immer tiefer in den Berg
hinein. Bald waren die Gewölbe nicht mehr beleuchtet und die Frauen hielten
Kerzen in ihren Händen. Wie Sterne leuchteten sie ihren Weg. Link ging der
Gruppe voraus und prüfte jede Abzweigung nach Luftströmungen.
„Wen wir den Ausgang erreicht haben, wird es Tag sein“, bemerkte er.
Ein neuer Anfang
Link und Meredith saßen auf einem Felsen vor dem Berg, welchen sie gerade durch
die Grotten verlassen hatten. Er hielt sie in seinen Armen und küsste ihre
Stirn, um sie zu trösten. Alles hatten sie verloren, ihre Männer, ihr Heim,
ihre Hoffnung. Nein, nicht ganz! Etwas Hoffnung blieb ihnen noch.
Link erhob sich und sprach zu den Frauen:
„Alben. Wir werden nach Westen gehen. Im Westen hat ein Teil unseres Volkes ein
Heim errichtet. Sicher werden sie euch Unterschlupf gewähren. Wenn wir dort
angekommen sind, werde ich mit dem Sphinx weiterziehen um Leasame, die Göttin
der Weisheit, zu sehen. Wir werden unseren kostbaren Schatz… .“
Link nickte zu Sternenglanz und deutete auf Masamune hin.
„ …Mit uns nehmen und hoffen, dass die Göttin uns unsere Last abnehmen wird.“
Völlig erschöpft erreichten sie die Quellen, um die das Heim der Alben gebaut
war. Alfheim. Diese Alben schienen etwas zivilisierter zu sein, als die Alben
vom Waldgrund. Ihre Häuser waren schöner und größer und ihre Kleider feiner.
Sie waren außerdem mit Menschen verbündet und trieben Handel mit ihnen.
Link musste lange mit ihrem König diskutieren, da er die Frauen nicht aufnehmen
wollte. Er befürchtete, dass die Svartalfen ihnen gefolgt waren. Link erklärte,
dass er die Masamune fort bringen werde. Und die Svartalfen IHM folgen würden,
da sie die Aura der Masamune bereits aufgenommen hätten und sie aufspüren
würden. Der König willigte schließlich ein und ordnete an, Notunterkünfte für
die Frauen bauen zu lassen. Vorübergehend.
Die Reise geht weiter
Link verabschiedete sich von Meredith. Sie war seine Schwester und sie hatten
eine enge Bindung zueinander.
„Möge Vanadis dich beschützen“, hörte Dithlit beide sagen.
Für die Alben schien ihre Schutzpatronin eine wichtige Rolle zu spielen.
Dithlit saß auf Sternenglanzes Rücken, die Masamune hinter ihm festgeschnürt
und verborgen. So konnte Dithlit eine Weile an seinem Buch arbeiten, während
Link Sternenglanz aus dem Tal führte. Link erklärte ihm auf dem Weg einige
wichtige Regeln, welche er beachten sollte, wenn sie nicht entdeckt werden
wollten.
„Ist es dir möglich durch einen Fluss zu reisen, dann reise durch den Fluss, um
keine Spuren zu hinterlassen. Wenn es dunkel wird, lösch dein Feuer. Die
Dunkelheit ist dein Feind, reise nur am Tage… .“
Der junge Sphinx hörte ihm kaum zu. Alben nahmen solche Dinge immer sehr genau,
doch Dithlit war es wichtiger, erlebte Ereignisse aufzuschreiben. Er hatte so
viele Gedanken in seinem Kopf, welche alle zu Papier gebracht werden wollten.
Die erste Nacht verbrachten sie im Dickicht eines dichten Waldes. Es war kalt
und sie hatten keine Decken. Link schlief im sitzen und Dithlit deckte sich mit
etwas Moos zu.
Sie schliefen schon bald ein.
Ein Krachen ging durch das Geäst der Bäume. Dithlit war sofort wach und starrte
in die Schatten der Nacht. Er sah zu Sternenglanz. Der Hengst wühlte genüsslich
im Moos herum und Link schien tief und friedlich zu schlafen. Wieder seltsame
Geräusche! Es knurrte und knackte, ächzte und seufzte im Geäst.
„Svartalfen, Dunkelalben“, piepste Dithlit.
Schnell hatte er seinen Dolch zur Hand. Er wagte es nicht, sich zu rühren.
„Link, Link“, zischte er.
Doch der Alb reagierte nicht. Dithlit wand seinen Blick wieder zu Sternenglanz,
der direkt neben ihm stand. Dithlit erhob sich und löste die Schnüre, die
Masamune hielten. Das Schwert plumpste in das weiche Moos. Dithlit hob es auf
und starrte um sich.
Das Schwert war schwer, es wurde immer schwerer und schwerer! Dithlit kippte um
und Masamune auf ihm. Er keuchte. Über ihm stand plötzlich Link und sah ihn
tadelnd an.
„Es erdrückt mich! Hilf mir! Das Schwert erdrückt mich!“
„Du musst dich vor den Geräuschen des Waldes nicht fürchten.“
Link nahm ihm Masamune ab und half dem Sphinx auf.
„Die Augen der bösen Götter sind überall. Masamune MUSS verborgen bleiben.“
„Sie ist so schwer!“
„Ja, nur Götter können sie führen. Wir können sie kaum halten, deswegen trägt
Sternenglanz sie für uns.“
Link umwickelte die Waffe wieder mit dem Mehlsack und lehnte sie an einen Baum.
Er hätte das Pferd in der Nacht nicht mit ihrem Gewicht belasten sollen, dass
hatte er nicht beachtet.
Durch ihre Flucht Richtung Nord-Westen, durch den Berg und über das Felsen-Tal
bis hin zu den Quellen, hatten sie einen großen Umweg zu machen. Sie machten
einen riesigen Bogen um den Waldgrund, um in Richtung Ost-Süd weiter zu gehen.
In diese Richtung würden sie auf den Ozean und somit auf die Göttin der
Weisheit treffen. Sie war eng mit dem Meer verbunden.
Obwohl sie auf ihrem Weg an dem Tal der Sphinx vorbei kamen, kam Dithlit nicht
in den Genus, seine Berge zu sehen. Sie waren zu weit entfernt. Zu groß war der
Bogen, den sie machten. Nur die schwefelgelbe Wolke, die stetig aus dem Schlund
des Vulkanes stieg, konnten sie am Horizont sehen. Der Vulkan, der das Tal der
Sphinx verschloss.
„Dort ist mein Zuhause. Ich werde eines Tages zurückkehren und meinen Freunden
von meinen Abenteuern erzählen“, meinte Dithlit.
Sie gingen Seite an Seite über grüne Hügel, von denen sie eine wunderbare
Aussicht über das weite Land hatten und der weiße Hengst trabte ihnen brav
hinterher. Link sah eine kleine Rauchwolke über dem Waldgrund stehen. Er
wusste, dass es sein Heim war, das dort brannte.
Bei der Fähre
Einen Tag lang folgten sie einer, von Menschen aufgeschütteten Straße. Sie
würde sie ins Sumpfland führen, doch zuerst mussten sie mit einer Fähre, einen
breiten Fluss überqueren. Auf der anderen Seite hatte die Landschaft keine
Felsen und Hügel mehr. Es war Flachland und voller Fahne und Gräser und
seltsamer Bäume mit Luftwurzeln. Sie wuchsen, als wäre der Boden vergiftet.
Die Fähre legte am anderen Ufer an. Keine Menschenseele war ihnen auf der
Strasse begegnet und auch bei der Fähre waren sie allein. Das Floß war mit
Seilen verbunden, welche über das Wasser gespannt waren. Mit ihnen konnte man
sich das Floß, von der anderen Seite herüber ziehen. Jede Einzelheit schrieb
Dithlit genauestens beschrieben, in sein Buch.
Sie legten am anderen Ufer an. Link sprang vom Floß auf den Steg und prüfte die
Umgebung mit seinen Blicken. Dithlit zog Sternenglanz von dem leicht
schlingernden Floß. Das Schaukeln gefiel dem Pferd sichtlich nicht, es wurde
störrisch. Oder regte ihn etwas anderes auf?
„Schnell, wir müssen vom Ufer weg und uns im Dickicht verstecken!“, rief Link
plötzlich leise.
Er sprang vom Steg und rannte eine Böschung hinab. Dithlit lief ihm, mit
Sternenglanz im Schlepptau nach. Link lief immer weiter, bis er zwischen den
Luftwurzeln verschwunden war. Dithlit sah, wie der Abstand zwischen ihnen immer
größer wurde und er ihn schließlich aus den Augen verlor. Er war wiedereinmal
allein. Allein mit dem begehrten Schwert, an einem Ort den er nicht kannte.
Das
beraubte Ross
Der Sphinx hörte ein Geräusch. Jemand jammerte. Dithlit lauschte.
„Oh, oh weh mir“, hörte er. Dithlit lauschte weiter. Es klang nicht bedrohlich.
„Beraubt hat er mich. Ohne sie, bin ich nichts. Ich bin ein Krüppel. Dieser
Dieb!“
Dithlit hörte leichte Schritte, Link war zu ihm zurückgekommen.
„Dort weint jemand“, bemerkte der Alb.
„Gestohlen hat er sie. Sie mir weggenommen.“
Die Stimme klang schnaubend und war männlich. Link schlich dichter, um zu sehen
wer dort weinte. Der bestohlene lag unter üppigen Luftwurzeln und hatte seinen
Kopf gegen den Boden gepresst. Es war ein weißes Pferd. Aus seinen Schultern
ragten kleine Stummel, die wie Flossen ruderten, als wollten sie einen Auftrieb
bewirken.
„Ein geflügeltes Ross“, bewunderte Link das Wesen.
Es sah zu ihm auf.
„Geht weg! Ich schäme mich. Ich bin ein Krüppel.“
„Deine Federn sind fort.“
„Jaaa, sie waren mein ganzer Stolz. Eine Augenweide! Das kostbarste was ich
besaß. Gestohlen hat er sie mir.“
„Wer tut so etwas?“
„Sagte ich nicht, Ihr sollt gehen?“
Dithlit kam mit Sternenglanz nach. Als der Beraubte das Pferd sah, jammerte er
lauter auf:
„Jetzt bin ich nichts weiter, als ein gewöhnliches Pferd. Oh weh... .„
Link sah zu Dithlit und sagte ihm:
„Gehen wir. Hier können wir nicht helfen.“
Der beraubte stellte die Ohren auf.
„Nein, wartet Alb. Ich bin Pegasus und Ihr seid?“
Link kam ein paar Schritte zurück.
„Link, der letzte Krieger vom Waldgrund. Mein Gefährte ist Dithlit der Sphinx.“
„Sehr erfreut!“
Pegasus nickte. Link versuchte es noch einmal:
„Sagst du uns nun, wer deine Federn gestohlen hat?“
„Es war der Drachenkönig, Bahamut. Irgendein übermächtiger, übler Gott hat ihn
seiner Flugfähigkeit beraubt. So raubte er mir dann meine Federn, um seine
Fähigkeit zurück zu erlangen.“
„Ein Drache“, murmelte Dithlit.
Ob es derselbe Gott war, der für den Angriff der Svartalfen verantwortlich war?
Und war dieser wohlmöglich auch verantwortlich, für die missliche Lage der
Sphinx, dass sie ihr Tal nicht verlassen konnten? Fürchtete sich dieser Gott
vielleicht vor den Sphinx? Wusste auch er, längst von der Erzählung, dass ein
Sphinx die Lösung sein könnte? Langsam fügte sich alles zusammen. Dieser
mächtige Gott fürchtete die Göttertötende Masamune und er sandte Schergen aus,
um sie zu finden. Nicht nur, dass er sie in den Händen der Guten fürchtete,
auch begehrte er nach ihrer Macht.
„Wir
reisen gen Süden, zum Ozean. Wir werden das Reich des Drachenkönigs
durchqueren. Wir werden versuchen, dir deine Federn zurück zu bringen. Aber ich
kann es nicht versprechen“, sprach Link.
Pegasus schniefte. Er erhob sich willenlos und kam auf Link zu getrottet. Er
drückte seinen großen Pferdekopf an Links Brust.
„Wie kann ich Euch danken?“
Link streichelte seinen Kopf und antwortete nicht.
Die Krähe
Link führte den Sphinx und sein Pferd sicher durch die Sümpfe. Das Land war
üppig bewachsen. Selbst die Baumstämme waren Grün von Algen, Flechten und Moos.
Hier und dort lag ein Tümpel mit absolut stillen Wasseroberflächen, die mit
Entenflott überzogen waren. Die Tümpel waren kaum auszumachen und wirkten
friedlich, doch sie waren tödliche Fallen. Der Boden um sie herum war völlig
aufgeweicht.
Unversehrt konnten sie die nächste Bergkette erreichen. Es waren wunderschöne
kleine Berge, die sich dicht an dicht anreihten.
„Fafnir bewacht den Pass in das Königreich der Drachen. Er ist ein
unerbittlicher Drache. Wir sollten hier rasten, bevor wir weiter ziehen“,
erklärte der Alb.
Er lud den Proviantsack von seinem Pferd.
„Hier scheint ein guter Ort zu sein.“
Sie befanden sich in einer kleinen Senke, am Rande der üppigen Sümpfe. Dithlit
blickte über den Wall in Richtung der Berge. Ihre Wände waren steil. Wie eine
Mauer standen die Berge da. Dithlit konnte auch den Pass sehen, den der Drache
Fafnir angeblich bewachen sollte. Der Pass war eine tiefe Schneise im Gestein.
„Sphinx, ein Sphinx. Sphinx töten, muss andere holen.“
Nur allzu gut, kannte Dithlit diese Worte. Er öffnete zitternd seine Augen. Die
Krähe saß auf seiner Brust und blickte ihn an. Es war am Morgen und es dämmerte
bereits. Dithlit war unfähig sich zu rühren und starrte sie nur an. Sie zwickte
ihn in den Hals.
„Sphinx hat sein Tal verlassen. Muss andere holen.“
Eine schnelle Bewegung und der große Vogel sausten ihm von seiner Brust und
wurden zappelnd zu Boden gebracht. Link hatte ihn gepackt und hielt ihn fest am
Boden gedrückt. Der Vogel wand sich, doch er konnte Link nicht beißen. Dithlit sprang
aufgeregt auf.
„Der verfolgt mich schon die ganze Zeit!“, rief er und zeigte auf das Tier.
„Es sind Druden“, meinte Link, der mit dem Tier kämpfte. Er biss die Zähne
zusammen, denn der Vogel kratzte ihm tief in seine Hand, doch Link ließ nicht
locker. Schnell hatte er einen Pfeil zur Hand und stieß ihn an die Kehle der
Drude. Die Glieder des Vogels erschlafften und er zeigte plötzlich Respekt.
„Hat dich jemand geschickt?“, fragte der Alb.
Die Drude krächzte und sagte nichts.
„Ich kann dich auch töten!“
Die Drude riss ängstlich den Schnabel auf und gestand:
„Wir geschickt von großen Kaiser. Wir halten Sphinx auf. Sphinx gefährlich!“
„Wer ist der große Kaiser?“
Link sah sichtlich wütend aus.
„Wir nicht wissen. Nur Auftrag erhalten von Stimme. Wir nicht weiter verfolgen
Sphinx. Versprochen!“
Link holte mit dem Pfeil aus, um sie zu erstechen.
„Nein warte!“, rief Dithlit plötzlich, „ich glaube ihm.“
„Aber sie wird mit Hunderten zurückkehren.“
„Nein, lass ihn fliegen.“
Link wandte sich wieder der Drude zu:
„Hör mir zu. Diesen Pfeil werde ich für dich aufheben. Kommst du mit anderen
Druden zurück, erschieße ich dich als erstes!“
Die Drude schwieg und Link ließ sie zögernd los. Sie flog nicht davon. Sie
setzte sich auf und hüpfte auf Dithlit zu.
„Sphinx retten unser Leben. Krähe halten Versprächen.“
„Elender Feigling“, zischte Link nur verächtlich.
Der Drache Fafnir
Als Link und Dithlit zum Pass kamen, hüpfte die Drude noch immer hinter den
beiden her. Da sie auf den Pferderücken sprang und an dem Sackleinen zupfte,
schlug Link sie gegen einen Felsen. Der Vogel humpelte.
„Alb verstecken großes Schwert vor Augen. Doch Wir wissen!“
„Hör auf uns zu folgen“, rief Link.
„Krähe niemals erwähnen Name von Schwert. Krähe gehen, wenn gesehen Schwert.“
Link fauchte die Drude abermals an:
„Welche Zauberei wurde auf dich gelegt!“
Schon war ein Pfeil auf sie gespannt. Die Drude flog augenblicklich davon, doch
Link erschoss sie im Flug.
„Warum hast du das getan!“
Dithlit war enttäuscht.
„Du kannst ihr nicht trauen. Sie mögen feige sein, aber ihr Herz ist schwarz
wie die Nacht.“
Fafnir lag - wie nicht anders zu erwarten - in mitten des Weges und bewachte
schlafend, das Reich der Drachen. Eine riesige Landschaft von Sand und Gestein.
„Bahamut ist ein guter Drache. Er ist der Gott aller Drachen. Was ist
geschehen, dass er dem Pegasus so etwas antut?“, wunderte sich der Alb.
Dithlit hatte sich hingesetzt und begonnen, den Drachen vor ihnen in seinem
Buch zu beschreiben. Die riesigen Schwingen, die rostroten Schuppen, seinen
rauchenden Atem. Er machte eine Zeichnung von ihm und Link.
„Wie geht es jetzt weiter?“, fragte er Link, der da stand und Fafnir ansah.
„Wir werden ihn wecken.“
„Aber sagtest du nicht, dass er gefährlich und böse ist?“
„Das ist er auch. Geh ein Stück zurück.“
Dithlit klappte sein Buch zu und ging zu Sternenglanz.
Link spannte seinen Bogen und schoss einen Pfeil, direkt in Fafnirs rechtes
Auge. Mit einem Kreischen öffnete Fafnir das linke Auge und erhob sich mit
seinen Schwingen ein Stück über den Boden. Aus seinem Rachen schossen Flammen
und der Alb und Dithlit duckten sich unter ihnen hinweg. Die Flamme verbrannte
den Sackleinen auf dem Pferderücken und das glänzende Metall darunter, wurde
sichtbar. Mit dem einen Auge, das er noch hatte, sah Fafnir es.
„Masamune. Göttertötendes Schwert. Was habt ihr mit ihr vor?!“, brüllte seine
kräftige Stimme.
Link nahm das unversehrte Auge ins Visier und zerschoss auch dieses. Fafnir
wirbelte mit seinen Flügelschlägen Staub und Steine auf. Eine zweite Flamme
schoss aus seinem Maul. Sie steckte Dithlits graues Sphinxsenhaar in brand,
doch Dithlit schlug es schnell aus. Link musste etwas unternehmen, denn Fafnir
war auch ohne Augenlicht gefährlich und schwebte noch immer vor ihnen in der Klamm.
„Ich brauch ein Seil!“, rief Link.
Dithlit griff in seinen Beutel und gab ihm das Seil, das er aus seinem Tal
mitgenommen hatte. Flink knüpfte Link eine Schlinge. Er warf diese Schlinge um
die Vorderläufe Fafnirs und zog sie mit einem Ruck fest, in dem er sie zu sich
heran zog. Noch einmal zog er um sicher zu gehen, dass sie fest saß.
Fafnir kam dem Grund immer dichter. Der Alb war mit ein paar schnellen
Schritten bei ihm. Er wich einem Schlag mit dem großen Kopf aus und sprang ihm
auf den Hals. Fafnir merkte dies und versuchte ihn abzuschütteln. Link hatte
das Seil um dessen Hals geschlagen und hielt sich daran fest.
Dithlit würde über die Geschicklichkeit dieses Alben, in sein Buch schreiben.
Er versuchte unterdessen die Masamune so gut es ging, mit dem verbrannten
Fetzen abzudecken.
Der Alb zog sein Lilienschwert und rammte es in Fafnirs Hals. Aus der Wunde
quoll Blut und Rauch.
Fafnir kämpfte immer wilder. Der Alb musste sich vor seinem umherschlagenden
Schwanz in Acht nehmen. Links Gedanken arbeiteten. Wie konnte er das Untier
besiegen? Er stach erneut in das Genick des Drachen. Er drückte die Klinge wie
einen Hebel zur Seite und sie schnitt sich langsam durch die feste Haut. Fafnir
spie Feuer und begann zu röcheln. Fast war der Kopf abgetrennt und die Wunde
begann zu rauchen. Mit dem Schwert holte der Alb aus und trennte ihn
vollständig ab.
Der Kopflose Fafnir plumpste in den Staub und der Alb sprang ab.
Das Reich des Drachenkönigs
Sie ließen die Klamm hinter sich. Masamune war, dank Dithlit wieder gut
eingewickelt. Hinter der Bergkette war das Land noch voll von grünen Wiesen,
doch man konnte schon in der Ferne das karge Land der Drachen sehen. Sie
überquerten den letzten Fluss und betraten Bahamuts Reich. Bahamuts Platz war
über den Wolken dieses Landes, denn er war ein Gott. Die Ebene war windig und
staubig. Sandsäulen fegten über Dünen hinweg. Am letzten Fluss sorgte Link
dafür, dass alle Wasserflaschen randvoll gefüllt waren, denn sie würden so
schnell nicht wieder auf Süßwasser stoßen. Sternenglanz trank noch einmal brav
so viel er konnte, denn viel konnten sie nicht mit sich nehmen. Seine Mähe war
rußig von Fafnirs Atem und Link wusch das stinkende Schwarz von ihm ab.
„Wir sollten Bahamut besser nicht begegnen“, meinte Link.
„Und was ist mit den Federn?“
„Es tut mir leid. Bahamut könnten wir bei einem Kampf nicht so einfach
besiegen. Er ist ein Gott, nur die göttertötende Klinge vermag dies, doch ich
kann sie nicht führen. Wäre Bahamut wirklich vergiftet von dem Gott, der uns
nachstellt, sollte er besser nichts von unserer Last wissen.“
Dithlit verstand dies, doch Pegasus tat ihm sehr leid, der Alb hatte dem Ross
falsche Hoffnung gemacht, doch das tröstete ihn vielleicht über einige Zeit
hinweg.
Die drei liefen über die Dünen. Von einer Felsengruppe zu nächsten. Es war das
reinste Versteckspiel. Als die Wolken sich auf unnatürliche weise öffneten,
rannten sie zwischen hohe Felsen. Sie sahen das riesige Wesen Bahamut, das auf
sein Land zu stieß. Bahamut war eine lange, silberne Schlange ohne Flügel. Um
seinen Kopf leuchteten die Federn des Pegasus. Bahamut wühlte den Sand auf, um
kurze Zeit später wieder gen Himmel hinaufzustoßen. Link und Dithlit rannten
sofort weiter, sie wollten keine Nacht im Drachenreich verbringen.
Das Ende der Reise
Eine glitzernde, silberne Linie lag vor ihnen am Horizont. Der Ozean!
Die Wüstenlandschaft ging über in einen gewaltigen Strand. Nur einige Gräser
wuchsen hier und dort auf den Sanddünen. Es war angenehm Warm. Sie waren einen
ganzen Tag und eine ganze Nacht gelaufen.
Am
Wasser legten sie sich in den Sanddünen schlafen. Irgendwo am Ufer, würden sie
die Göttin treffen. Meredith, Links Schwester hatte sie im Traum gesehen und
die Göttin hatte darin jemanden mit der Masamune zu sich gebeten, um von einer
Prophezeiung zu berichten.
Dithlit blickte auf das Meer hinaus. Es war so friedlich und der Klang der
seichten Wellen wirkte beruhigend auf ihn ein. Er schrieb all das auf, so wie
er es sah. Er hätte nie gedacht, dass der Ozean so gewaltig war. Sternenglanz
probierte von der blauen Flut, doch sie schmeckte ihm nicht.
Der
Alb kam mit einer seltsamen, glänzenden, großen Muschel von einem kurzen
Spaziergang zurück und setzte sich mit ihr neben Dithlit. Er putzte den Sand
ab. Sie glänzte grünlich wie ein Opal, mit allen Farben darin.
„Es ist eine Schuppe“, meinte er, „von einer sehr großen Schlange.“
Dithlit sah sich die Schuppe an. Sie war Tellergroß.
„So große Schlangen!“, staunte er.
Er schrieb es gleich in sein Buch.
Der Alb erhob sich und starrte gebannt auf die Fluten. Seine Augen weiteten
sich plötzlich.
„Die Wellen“, flüsterte er.
Dithlit sah von seinem Buch und der Schuppe in seinen Händen auf. Das Wasser
war unruhiger geworden. Auch Dithlit erhob sich jetzt.
Weit auf dem Wasser hatten die Wellen, weiße Schaumkronen.
„Kommt Leasame, jetzt endlich?“, fragte der Spinx.
Link lief am Wasser entlang, um von einer hohen Düne aus, einen besseren
Überblick zu bekommen. Dithlit folgte ihm.
„Etwas sehr großes kommt hier her!“, rief der Alb.
Er pfiff nach Sternenglanz, der am Ufer stand und das Wasser anwieherte. Er
gehorchte nicht. Vielleicht hörte er das Pfeifen nicht, durch das tosenden der
Wellen.
„Du bleibst hier. Ich hole ihn!“
Link rannte zu seinem Pferd, um ihn und die Masamune zu holen und vor dem, was
da kam, in Sicherheit zu bringen. Während Link rannte, sah Dithlit das Unheil,
das auf Sternenglanz zu schwamm.
Ein riesiger Drachenkopf mit Flossen erschien aus den Schaumkronen. Er würde im
selben Moment wie Link, beim Pferd sein. Dithlit wusste nicht, was er machen
sollte und lief Link kurzerhand nach. Der Hals des Drachen ragte immer länger
aus dem Wasser. Er hatte dieselben Schuppen, wie Link eine gefunden hatte. Die
Sackleinen auf dem Pferderücken waren nass und verrutscht, so dass, Masamune zu
sehen war.
„Du wirst sie nicht bekommen!“, hörte Dithlit den Alb rufen.
Noch vor dem Drachen hatte Link sein Pferd erreicht und riss das schwere
Schwert an sich. Der Drache rutschte mit spritzender Gischt an den Strand. Die
Augen des Drachen funkelten und er biss nach dem Schwert in Links Händen. Er
bekam die Klinge zwischen seine Vorderzähne. Dithlit sah - noch immer rennend -
wie der Alb von dem Drachen in die Luft gehoben wurde. Der Alb ließ nicht los
und klammerte sich an den Griff der Masamune. Er schwebte gefährlich hoch.
Dithlit hörte nicht auf zu rennen, er musste doch irgendwie helfen können.
Der Drache schüttelte den Alb und die Klinge rutschte zwischen seinen Zähnen
heraus. Link stürzte mit der Masamune - welche er noch immer hielt - tief auf
den Strand hinab. Er stöhnte auf, als er am Boden aufschlug.
Dithlit stürze zu ihm in den Sand.
„Link, Link!“
Der Alb sah ihn schmerzerfüllt an. Er keuchte:
„Ich kann mich nicht bewegen. Es ist… vorbei.“
Er verzog das Gesicht vor Schmerzen. Dithlit hatte Angst, große Angst. Er sah
den Schleier in Links blauen Albenaugen, er war dem Tode nah.
Die Masamune! Dithlit nahm sie an sich. Sie lag so schwer in seiner Hand, doch
er kämpfte gegen seine Schwäche an. Der Wasserdrache hatte seinen Blick nicht
von der Masamune gewandt.
„Sie wird mich zu einem überaus Mächtigen Gott der Meere machen. Sie wird mir
zurückgeben, was der Gott-Kaiser mir genommen hat!“, grollte das Seeungeheuer.
Mit aufgerissenem Maul, kam sein riesiger Kopf auf Dithlit zu geschossen.
Dithlit schloss seine Augen, Masamune in seiner Hand. Er fühlte, wie eben diese
Hand, die das Schwert hielt zu schmerzen begann. Sein Gesicht wurde kalt und
sein Bewusstsein verließ ihn. Er taumelte neben Link, in den Sand. Die Masamune
verschluckt von Leviatan, mitsamt seiner Hand.
Epilog
Die Prophezeiung
„Vor langer Zeit, haben die Götter ein Schwert gefertigt. Das einzige Werkzeug,
das vermag einen Gott zu vernichten. Kraft sollte es seinem Träger geben, um
seiner Aufgabe gewachsen zu sein. Gott Raenke sorgte einst für Missklang in der
Harmonie der ersten Götter und es verlangte ihm danach alles und jeden zu
unterjochen. ‚Doch niemand soll Herrscher über den anderen sein’, sprach
Urodan, als er den Göttern die Erde schenkte. Mit Hilfe der Masamune konnten
die Götter sich von Raenke befreien, doch Raenkes Boshaftigkeit ist nicht ganz
erloschen und keimt von neuem... Sehr lange Zeit ward Masamune in der Obhut der
Alben. Denn die Alben stehen den Göttern am nächsten. Ich habe sie gesehen. Die
Zukunft. Was in 200 Jahren sein wird.“
Dithlit blickte in die klaren Augen einer Frau. Ihre Gewänder hatten leuchtende
Farben. Ihr Haar war schwarz und üppig. Jung und wunderschön wie ein
Traumgespenst war sie. Dithlit hörte das Meer rauschen. Es klang seltsam fern.
Er lag noch immer am Ufer. Der Alb neben ihm.
„Du wist meine Prophezeiung in dein Buch schreiben und es deinem Volk bringen“,
sprach die gütige Stimme.
Dithlit wurde schmerzlich bewusst, was ihm fehlte. Seine rechte Hand! Sie wurde
abgebissen. Er würde so bald nicht mehr schreiben KÖNNEN!
Die leuchtende Gestalt lächelte und Dithlit wurde warm ums Herz. Sie sagte:
„Sieh deine Hand an junger Sphinx.“
Dithlit hob den rechten Arm. Er hielt ihn zittern vor sich. Er konnte sie
bewegen - seine Hand - sie war wieder da.
„Auch der Alb soll nicht länger leiden. Jetzt schläft er noch, doch er wird
bald erwachen und es wird ihm nichts fehlen.“
„Ihr seid die Göttin der Weisheit“, erkannte der Sphinx nun endlich.
Sie nickte.
„Ich bin Leasame. Ich weiß viel, doch sage nicht alles.“
Dithlit setzte sich auf. Er sah den friedlichen Ausdruck in Links Gesicht und,
dass das Untier ‚Leviatan’ verschwunden war.
„Weswegen sind wir hierher gekommen?“, wollte der Sphinx wissen.
„Merke dir gut meine Worte. Gefallen aus den Wolken. Gemacht von den vier
Winden, wird ein Krieger kommen, den selbst die Götter fürchten. Er ist halb
Mensch, halb Gott und er wird Katzen seine Eltern nennen. Er wird die heilige
Masamune führen und den Himmel stürmen. Unsterblichkeit wird er erlangen und
sich selbst König nennen. Dieser Krieger wird uns alle erlösen von der
finsteren Hand des Gottes, welcher Gott über allen Göttern sein will.“